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Eine Delegation des Fördervereines beim Besuch des Kinderheimes in Lugoj (Lugosch) in Rumänien im November 2003. Der Verein wird versuchen, hier gezielt Hilfsmaßnahmen aufzubauen. Zum Bericht von Adil Oyan

 

 

Besuch bei Eduard Gabor, den der Förderverein bereits seit geraumer Zeit unterstützt.

Kinder können nicht warten


Der Übergang vom Kommunismus zur Marktwirtschaft hat in Rumänien nicht
nur wirtschaftliche, sondern insbesondere auch große soziale Probleme zu
Tage treten lassen. Viele werden sich noch an die erschreckenden Bilder
erinnern, die 1990 von der ARD über den Bildschirm in die Wohnzimmer
geschickt wurden. Der Kommentar dazu war nicht minder klar wie die
Bilder, die zu sehen waren. So wurde das Heim in Lugoj (Lugosch) im
Partnerlandkreis Temesch damals als „vergittertes Endlager für unwertes
Leben“ bezeichnet, in dem die Kinder hungern und frierend halbnackt auf
nassem Beton oder in Erbrochenem und Kot liegen, darunter Waisen,
abgelegte, sozial Ausgegrenzte mit dem Vermerk „Irreparabel“ auf den
Krankenblättern. Zu Zeiten des Diktators Ceausescu gab es 140 solcher
Heime in Rumänien, von denen die meisten mittlerweile geschlossen
wurden.
Wie kam es zu so vielen Heimen? Zum einen hatte die Ceausescu Diktatur
eine „Vielkinderpolitik“ betrieben und Geburten finanziell honoriert.
Für den Fall, dass die Frauen sich nicht um die vielen Kinder kümmern
konnten, wurden entsprechend Heime gebaut. Durch das Verbot von
Geburtenkontrolle und Abtreibung kam es zu einer großen Anzahl
ungewollter Kinder, die in die Waisenheime abgeschoben, oder in den
Krankenhäusern liegen gelassen wurden.

Partnerschaftsabkommen

Zwischen den Landkreisen Temesch/Rumänien und Rosenheim bestehen
freundschaftliche Verbindungen, die dazu führten, dass
parteiübergreifend und einstimmig am 12.06.2002 vom Kreistag ein
Partnerschaftsabkommen beschlossen wurde. Der Austausch in allen
Bereichen wie z. B. Bildung, Gesundheit, Kultur, Soziales oder
Wirtschaft soll Initiativen entstehen lassen,die dem Gedanken der europäischen Integration dienen.

Durch den Besuch einer Delegation im Landkreis Temesch im vergangenen
Jahr wurde klar, dass die sozialen Strukturen, insbesondere bei kranken
und behinderten Menschen, außerordentlich unterstützungsbedürftig sind.
Das Sozialsystem ist, obwohl in ständiger Weiterentwicklung begriffen,
bei weitem nicht so ausgeprägt, dass auch die Gruppe behinderter
Menschen ihren Bedürfnissen gerecht versorgt werden können. So sieht
beispielsweise das rumänische Rechtssystem vor, dass behinderte
Jugendliche ab dem 18. Lebensjahr die Heime verlassen müssen, um in der
Psychiatrie gemeinsam mit alten Menschen betreut zu werden.

Vereinsgründung

So haben sich einige Kreisräte an einen Tisch gesetzt und am 18.07.2003
den Förderverein zur Unterstützung behinderter und kranker Menschen im
Partnerlandkreis Temesch/Rumänien
e. V. gegründet. Die Politiker waren sich einig, dass beim
partnerschaftlichen Austausch auch soziale Fragen einen Schwerpunkt
erhalten müssen.  

Die Ziele des Vereines sind:
•    Sammlung von Spenden und Zuwendungen zur Unterstützung
behinderter und kranker Menschen vorrangig für den Rosenheimer
Partnerlandkreis Temesch in Rumänien.
•    Nachrangig können auch andere Hilfsmaßnahmen unterstützt werden.

Nähere Informationen und ein Mitgliedsantrag können unter:
http://www.rosenheim-temesch.de.tk eingeholt werden.

Bei einer neuerlichen Delegationsreise Anfang November, besuchte ein
Teil der Gruppe das oben erwähnte Kinderheim in Lugoj. Dieses Heim
erfuhr mittlerweile Unterstützung über die EU und ist heute nicht mehr
wieder zu erkennen.

Geschichte und Entwicklung des Heims

Das Heim wurde 1974 im Rahmen des Krankenhauses Lugoj, um die Behandlung
und Pflege schwer behinderter Kinder zu sichern, gebaut. Die als
unheilbar angesehenen Kinder bekamen den Vermerk: „irreparabel“. Die
Gesellschaft schaute weg, das Personal war unterbesetzt und die
Ausbildung ließ zu wünschen übrig und war damit heillos überfordert. Die
Mortalität lag bei 30-40 Todesfällen jährlich.

Nach der blutigen Revolution im Dezember 1989 trat die Wende - langsam
aber sicher - für die betroffenen Kinder ein.

Die „Ärztliche Versorgung“ wurde durch pädagogische Mittel ersetzt.
Medikamente wurden langsam abgesetzt und erzieherische Methoden wurden
zum Schwerpunkt der Behandlung um die Kinder wieder in die Gesellschaft
zu integrieren. Die Sterblichkeitsrate ging rapide zurück (0-1
Kind/Jahr).

Mittlerweile hat sich die Zahl der Erzieher, Ergotherapeuten und
Sozialpädagogen verdreifacht. Berufsgruppen wie: Psychiater, Zahnärzte,
Psychologen, Logopäden oder Kinetotherapeuten fanden Zugang und die
Anzahl der Pflegekräfte wurde drastisch erhöht, während das ärztliche
Personal sich um zwei drittel verkleinert hat. Die Gelder, die  früher
für Medikamente ausgegeben wurden, werden heute für Farbstifte, Hefte,
Spielsachen und therapeutische Maßnahmen usw. ausgegeben.

Das Heim hat heute den Namen „vergiss mein nicht“ und die entsprechende
Blume als Logo. Die Leitung will damit zum Ausdruck bringen, dass diese
Kinder nicht vergessen werden dürfen und das Motto des Heims lautet:
„Kinder können nicht warten!“ Der Leiter der Anstalt Ioan Vlasici
erzählte der Besuchergruppe aus Rosenheim, dass die Einstellung der
Bevölkerung gegenüber behinderten Menschen immer noch sehr zu wünschen
übrig lässt und sie deshalb oft auch mit sehr viel Unverständnis für
Ihre Arbeit konfrontiert werden. Nach wie vor gilt ein Leben mit
Behinderung als „nutzloses Leben“ Hier bestünde noch sehr viel Bedarf an
Öffentlichkeitsarbeit.

Das Heim besitzt nun ein Gewächshaus und einen Garten, eine kleine
Weberei,
eine Keramikwerkstatt, eine Lehrküche, Gymnastikräume, ein
„Integrationsraum“ in  

dem den Kindern beigebracht wird mit  
Geld umzugehen oder mit Besteck zu essen, ein LuDotherapieraum*, ein
Computerraum, Logopädiezimmer und nicht zuletzt das Sinneszimmer das bei
den Besuchern einen bleibenden Eindruck hinterließ. Hier liegen
stundenweise schwerstbehinderte Kinder, deren Kontakt zur Außenwelt auf
ihre Sinne beschränkt ist. Diese Sinne sollen hier trainiert und
stimuliert werden. Hören, sehen, fühlen...

Zukunftspläne

Vlasici betonte, dass man noch lange nicht am Ende sei. So plane er in
einem heruntergekommenen Gebäude auf dem Gelände ein Therapiezentrum mit
einer Zahnarztpraxis,

Elektrophysiotherapiepraxis, Kinetotherapieraum, Akupunkturzimmer,
Chromotherapieraum, Polarisiertes Licht, Hydrotherapie und ein
Warmwasser Schwimmbecken. Für all dies würden 150.000.- EUR benötigt.
Was uns vielleicht wenig vorkommt, bedenkt man aber, dass der Landkreis
Temesch für dieses Vorhaben 2000.- EUR versprochen hat, wird einem die
Dimension für Rumänische Verhältnisse klar.

Fazit

Die Besuchergruppe war sich einig, dass man auch bei zukünftigen
Delegationsreisen soziale Projekte besichtigen möchte um die
Fortschritte zu sehen, aber auch wo noch Hilfe notwendig ist.

Natürlich werden auch weiterhin Sachspenden angenommen und mit weiteren
Hilfslieferungen, die über das Landratsamt koordiniert werden
verschickt. Auch werden Geldspenden an den Förderverein angenommen
(Spendenkonto: 954313 Kreissparkasse Bad Aibling BLZ 711 512 40) und man
kann sogar Mitglied werden. An dieser Stelle noch mal unseren Dank für
die Spenden.

*Die LuDo-Therapie ist eine ressourcenorientierte Therapeutisch wirksame
Verbindung von alten und neuen, von westlichen und östlichen Spiel- und
Kommunikationsformen. LuDo bedeutet Weg des Spielens, spielender Weg.
Bericht und Fotos: Adil Oyan